50PLUS – EROTIK

Sex und Sehnsüchte trotz Tabus


Eine Sexassistenz kann die Bedürfnisse der 50plus stillen.

Auch alte Menschen erleben Sexualität und Erotik - oder sehnen sich zumindest danach. Bislang ist der Sexualtrieb alter Menschen allerdings kaum anerkannt. Doch einige Senioren nutzen bereits das Angebot einer Sexassistenz, um ihre Bedürfnisse zu stillen, berichtet Katrin Albinus auf «Deutschlandfunkkultur.de».

"Das sind so meine Utensilien. Wenn ich eine Dame hab, hab ich ein rosanes Seidentuch, ne, und sonst für den Herren ein blaues. Das Mädchen trägt rosa und der Junge trägt blau. Ja, und dann schmeiße ich das so über den nackten Körper, und dann zieh ich das so ganz langsam ab, das ist so ein wohliges Gefühl. Das weckt die Sinne!"

Ursula breitet ein paar Gegenstände auf dem Doppelbett in ihrem Arbeitszimmer aus. Um sie herum grosse verspiegelte Kleiderschränke. Vor den Fenstern aprikot-farbene Vorhänge, auf dem Bett eine Decke im selben Farbton.

Darauf jetzt ein paar Federn, ein flauschiger Staubwedel, und eine Art Perlenkette, mit großen Plastikkugeln. Manchmal arbeitet sie auch mit warmem Sand, erzählt sie, den sie im Ofen erwärmt.

Und über den Körper ihrer Kunden rieseln lässt. "Ach ja, was hab ich denn noch. Wir haben ja auch impotente Männer, und die wollen dann immer mal was ausprobieren. Und zwar ist das hier ein, ja ein Penisverstärker, da steckt man den Penis rein, und wenn man hier drauf drückt, dann dreht das Teil sich und dann kann es passieren, dass der Penis sich erregt - aber - da darf man nicht zu grosse Erwartungen haben, und das sind alles Dildos, verschiedene, genau."

Ursula ist eine Sexarbeiterin

Ursula ist 70, eine zierliche Frau von ein Meter 60, mit blonden, kinnlangen Haaren. Ihre Kleidung ist schlicht und elegant: brauner Rollkragenpullover, braune Hose, Lederschuhe mit kleinem Absatz, dezenter Goldschmuck.

Zu ihr kommen ältere Herren, älter noch als sie. Um ihre Dienste als Sexualassistentin in Anspruch zu nehmen. Häufig Herren, die den Umgang mit Sexarbeiterinnen nicht gewohnt sind.

"Der eine Herr, der war sehr, sehr traurig, weil seine Frau war im Heim, weil sie sehr krank war, und er hat mich dann auch angerufen und war sehr verschämt am Telefon, ob er denn mit mir überhaupt darüber reden kann. Ich sag: also mit mir kann man über alles reden, und was ist denn das Anliegen. Ja, ich möchte so gerne mal wieder eine Frau anfassen dürfen, wie sich eine Frau anfühlt. Aber dennoch hab ich ein schlechtes Gewissen meiner Frau gegenüber. Und dann hat er den Mut zusammen genommen, und ist dann auch zu mir gekommen."

Die Herren, die zu Ursula kommen, sind alleinstehend, vielleicht aber auch schon lange verheiratet. Irgendwann lässt beim Mann die Potenz nach, die Frau fühlt sich nicht mehr attraktiv.

Oder ein Partner erkrankt. Über den Sex wurde sowieso nie gesprochen, jetzt wird er ganz vermieden.

"Also, diese Kunden kommen dann, weil der Druck wahrscheinlich schon so gross ist. Weil dann drückt es ja wirklich, wenn man so lange keine Erlösung hatte. Es gibt tatsächlich Männer, die sich selber nicht befriedigen mögen. Weil sie in der Kindheit wahrscheinlich mal erlebt hatten, dass sie erwischt worden sind, beim Onanieren. Und das ist dann meist die ältere Generation, dann wurde gesagt, du wirst krank, und das ist überhaupt nicht gut, wenn man sich da selber anfasst. Dann hab ich schon das Gespräch, dass ich versuche, ihm klar zu machen, dass er sich ruhig selber anfassen darf, denn das, was früher war, ist ja jetzt vorbei. Aber das würde dann wieder eine Therapiestunde sein, wenn sie das dann nicht wollen, geh ich da auch nicht weiter drauf ein. Wenn sie sagen: nö, dann komm ich lieber zu dir, du machst das ja ganz gut."

Sexualität alter Menschen ist ein Tabu

Für alte Menschen ist Sexualität ein Tabu. Doch auch die Sexualität alter Menschen ist ein Tabu. Die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa. Die sind vor allem alt, nett und gebrechlich.

Schwerhörig, vergesslich, verschrumpelt. Die interessieren sich für ihre Nachbarn, ihren Hund, ihr Essen, ihre Krankheiten. Aber sicher nicht für Sex. Bis auf ein paar alte Lüstlinge vielleicht, die beim Besuch der Pflegerin den Mund offensichtlich allzu voll nehmen.

Ihr nach Dienstschluss eine heisse Nummer versprechen. Doch kaum jemand nimmt ernsthaft an, dass der alte Herr - käme es zum Äußersten - noch seinen Mann stehen könnte. Untersuchungen zur Sexualität im Alter erzählen eine ganz andere Geschichte.

Sexuelle Aktivitäten nehmen nicht zwangsläufig mit dem Alter ab, sondern mit der Dauer der Beziehung. Wer im Alter eine neue Beziehung beginnt, hat auch wieder mehr Sex. Viele Männer haben ab 70 leichte Erektionsstörungen, aber die wenigstens sind impotent.

Und können auch jenseits der 90 noch eine Erektion haben. Ihre sexuellen Wünsche und Fantasien unterscheiden sich nicht von denen jüngerer Männer.

Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit bleiben unverändert

Frauen, so heisst es, würden jenseits der Menopause das Interesse an Sex verlieren, litten an Trockenheit und Schmerzen beim Verkehr. Tatsächlich kann es auch zu Beeinträchtigungen kommen, doch die Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit bleiben unverändert erhalten.

Die meisten Frauen sind bis Ende 70 sexuell interessiert. Selbstbefriedigung ist zwar ein Tabu, wird aber von bis zu 40 Prozent der älteren Frauen "zugegeben".

Alte Menschen, die in Beziehungen leben, oder die alleinstehend und noch mobil sind, können sich ihre Sexualität selber organisieren. Doch es gibt viele alleinstehende Menschen, die im Alter zunehmend immobil werden.

Kaum noch die Wohnung verlassen. Schon gar nicht, wenn sie im vierten Stock wohnen.

"Hallo, Herr Wohlers. Darf ich reinkommen?"

"Ja, bitte."

Peter Wohlers schiebt sich mit seinem Gehwagen sehr langsam den Flur entlang. Er wohnt seit 40 Jahren in einer drei-Zimmer Wohnung im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Seit zehn Jahren lebt er allein.

"Ja, das geht alles nicht mehr so, wie früher."

Peter Wohlers Ehefrau Helga ist vor zehn Jahren gestorben. Zu den Kindern hat er kaum Kontakt, zu den Nachbarn gar keinen. Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert, hatte fünf Schlaganfälle. Zwei Mal die Woche kommt eine Zugehfrau, putzt, macht die Wäsche. Eine andere macht das Frühstück. Sonst kommt niemand. Vor fast einem Jahr war Peter Wohlers das letzte Mal draussen.

"Wie leben Sie jetzt heute, was machen Sie den Tag?"

"An und für sich von morgens um neun bis abends zehn Uhr hab ich den Fernseher an."

Für Menschen wie Peter Wohlers ein Angebot zu schaffen, war eines der Anliegen von Gaby Paulsen, als sie 2014 die Agentur Nessita gründete.

Gaby Paulsen vermittelt Sexualassistenten direkt an Kunden oder in Pflegeeinrichtungen. An Menschen, die sich Nähe wünschen, Kontakt, Zärtlichkeit oder Sex.

Der Begriff der Sexualassistenz wurde von der Holländerin Nina de Vries geprägt, stammt ursprünglich aus der Behindertenbewegung. Und wurde dann auf den Bereich der alten und pflegebedürftigen Menschen übertragen.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel. 


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