PSYCHOLOGIE

Die Entwicklung der Persönlichkeit ist nie fertig


Sogar mit über 60 Jahren kann aus einem braven, angepassten Menschen noch ein Draufgänger werden.

Früher galt: Mit 30 sind wir, wer wir sind. Neue Ergebnisse zeigen: Gerade im Alter verändern sich viele noch einmal radikal. Der Frage, was unsere Persönlichkeit formt, geht Alice Ahlers von der "Zeit online" im Interview mit der Psychologieprofessorin Jule Specht nach.

Frau Specht, die meisten Menschen hoffen, dass sie im Alter weise werden. Wie muss sich die Persönlichkeit dafür entwickeln und wie stehen die Chancen auf Weisheit?
Jule Specht: Weisheit erreichen tatsächlich nur sehr wenige Menschen. Das liegt daran, dass es für Weisheit zum einen Lebenserfahrung bedarf, die wir häufig erst im höheren Alter haben. Und gleichzeitig eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen, die wir häufiger im jungen Erwachsenenalter finden.Unter anderem wegen dieser gegenläufigen Entwicklung ist Weisheit eher selten. Was wir jedoch herausgefunden haben, ist, dass sich die Persönlichkeit im Alter genauso stark verändern kann wie in den Teenagerjahren. Die meisten Menschen nehmen intuitiv an, dass ihre Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stabiler wird. Aber das ist eine Illusion. Die Persönlichkeitsentwicklung ist niemals fertig.

Ist das eine gute Nachricht?
Wenn ich Vorträge halte und berichte, dass sich die Persönlichkeit auch mit 70 Jahren noch verändern kann, habe ich den Eindruck, dass diese Erkenntnis die Leute erleichtert. Sie sagen dann: "Hach, dann kann ich mich ja noch verbessern!" Das stimmt. Es sind aber natürlich auch Veränderungen zum Negativen, weniger Angepassten möglich.

Und wie stark kann diese Wandlung sein? Kann aus einem braven, angepassten Menschen am Ende des Lebens noch ein Draufgänger werden?
Ja, in Einzelfällen ist das möglich. In einer Studie haben wir gezeigt, dass sich etwa jeder Fünfte nach dem 60. Geburtstag noch einmal stark verändert. Typischer sind aber kleinere Veränderungen. Mit zunehmendem Alter werden viele verträglicher, das heisst, sie streiten sich weniger, sind nachsichtiger und hilfsbereiter. Die Offenheit nimmt dagegen im Durchschnitt eher ab. Gerade im höheren Alter sind Persönlichkeitsveränderungen jedoch sehr individuell.

Bisher galt in der Psychologie die Annahme, dass die Persönlichkeit mit etwa 30 Jahren fertig entwickelt ist. Eine Theorie, die auf die Persönlichkeitspsychologen Paul Costa und Robert McCrae zurückgeht.
Ja, ich war deshalb selber über unsere Ergebnisse überrascht. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich: "Wahnsinn, was sich da im hohen Alter noch alles tut!" Wir haben anfangs mit den Daten des Sozio-oekonomischen Panels gearbeitet. Für diese Längsschnittstudie werden seit 1984 in Deutschland jedes Jahr dieselben Menschen ab 16 Jahren befragt, derzeit sind das etwa 30.000 Personen. Seit 2005 werden auch Daten zur Persönlichkeit erhoben. Mittlerweile wissen wir, dass sich ähnliche Ergebnisse mit anderen Daten aus anderen Ländern und anderen Analysemethoden bestätigen.

Und warum haben andere Forscher diese Veränderungen im Alter bisher übersehen?"
Bisher fehlten Daten in diesem Umfang. Psychologische Studien werden oft an jüngeren Menschen durchgeführt, zum Beispiel Studierenden, an die wir auf dem Campus leicht herankommen. Und auch mit Onlineumfragen kommt man nicht so gut an ältere Menschen heran. Vielleicht hatten viele Forscher auch die Grundannahme verinnerlicht, dass sich die Persönlichkeit jenseits der 50 nicht mehr großartig verändert.

Was prägt denn die Persönlichkeit? Sind es die Gene oder die Erfahrungen, die wir im Leben machen?
Wir gehen davon aus, dass ungefähr 30 bis 50 Prozent der Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen genetisch bedingt sind. Im Laufe des Lebens lässt sich aber gar nicht mehr so genau unterscheiden, ob Gene oder Umwelt die Persönlichkeit eines Menschen geformt haben. Das liegt daran, dass wir häufig Situationen aufsuchen, die unserer Persönlichkeit entsprechen.

Wie meinen Sie das?
Personen, die offen sind, gehen zum Beispiel eher ins Ausland. Die Erfahrungen, die sie dort sammeln, machen sie nicht nur verträglicher und emotional stabiler, sondern lassen ihre Offenheit noch einmal wachsen. Das führt wiederum dazu, dass sie sich auf weitere neue Herausforderungen einlassen. So lässt sich dann nicht mehr genau sagen, ob sie wegen ihrer Gene so offen sind. Oder durch all die neuen Erfahrungen, die sie mittlerweile gemacht haben.

Wenn jeder eine Zeit lang ins Ausland gehen würde, würde unsere Gesellschaft also offener werden.
Ja, Auslandserfahrungen können auch eher verschlossene Menschen durchaus offener machen. Mir gefällt deshalb die Initiative #FreeInterrail, die sich dafür einsetzt, Jugendlichen in der EU zum 18. Geburtstag ein Interrailticket zu schenken, um Europa zu entdecken. Ideal wäre es, wenn alle 18-Jährigen diese Möglichkeit hätten, nicht nur jene, die sich dafür bewerben, weil sie sowieso schon aufgeschlossen für neue Erfahrungen sind.

 Welche Lebensereignisse verändern die Persönlichkeit noch?
Erstaunlicherweise haben wir festgestellt, dass der Job die Persönlichkeit stärker verändert als familiäre Ereignisse. Einen großen Einfluss hat zum Beispiel der Eintritt in den Beruf. Das hat mit den sozialen Erwartungen zu tun, denen wir dort ausgesetzt sind. Wir passen unsere Persönlichkeit an die neue Rolle an, um sie bewältigen zu können. Wir werden insgesamt gewissenhafter.

Wir verbiegen uns also für unseren Beruf?
Naja. Die Frage ist: Entwickeln wir uns weiter oder verraten wir unser eigenes Ich? Wir haben uns in einer Studie einmal angeschaut, ob man eine bestimmte Persönlichkeit braucht, um im Job erfolgreich zu sein. Dabei haben wir gemerkt, dass es dabei sehr auf den konkreten Job ankommt. Menschen, deren Persönlichkeitsprofil besser zu den Anforderungen des Jobs passt, verdienen deutlich mehr. Als Verkäuferin muss ich eine offene Art haben, als Buchhalterin kann sich zu große Offenheit möglicherweise sogar nachteilig auswirken.

Und wie ist es mit familiären Ereignisse wie der Geburt eines Kindes?
Sie sprechen da etwas Erstaunliches an. Viele Eltern sagen, dass die Geburt eines Kindes ihr Leben grundlegend verändert hat. Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass ihre Persönlichkeit dadurch nicht stark reift. Das kann daran liegen, dass ein Baby nicht genauso konkret wie eine Chefin vermittelt, welches Verhalten es genau erwartet. Vielleicht ist es auch einfach eine Lebensphase, in der Eltern nicht die Musse haben, ihre Persönlichkeit zu optimieren. Sie selber stehen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Persönlichkeit?
Männer sind im Durchschnitt emotional stabiler. Frauen haben eine stärkere Neigung zu Ängstlichkeit und Sorgen. Das ist bei Kindern aber noch nicht so. Der grosse Geschlechterunterschied entwickelt sich erst mit Beginn der Pubertät. Es ist deshalb durchaus möglich, dass dabei auch gesellschaftliche Rollenmodelle und Geschlechterklischees eine Rolle spielen.

Lesen Sie das ganze Interview hier 

Die Psychologieprofessorin Jule Specht untersucht, wie sich die Persönlichkeit von Menschen im Laufe ihres Lebens verändert. Am 15. Mai erschien ihr neues Buch "Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern" im Rowohlt-Verlag. 

 

 


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