«Ein Ziel mobilisiert Lebenskräfte»

René Künzli, Präsident terzStiftung, 50plus
René Künzli, Präsident der terzStiftung (Bild: terzStiftung)
Nur wer gesund lebt, wird glücklich altern und somit die Chance haben, in guter bis sehr guter Lebensqualität lange zu leben und alt zu werden.

Aber was verstehen wir unter „gesund leben“?, fragt René Künzli, Präsident der terzStiftung.

Bedeutet es, sich viel zu bewegen, vitaminreich und fettarm zu ernähren und möglichst frische Produkte mit mehreren ausgewogenen kleineren Mahlzeiten pro Tag zu sich zu nehmen? Enthaltsamkeit zu üben, nicht zu rauchen, gar keinen oder höchstens mässig Alkohol zu trinken?

Übergewicht ist unbedingt zu vermeiden, sprich: Gesund leben heisst möglichst asketisch leben. Mit dieser Vorstellung, das nehmen wir als sicher an, zog Andrew Jackson aus und unternahm "Eine Reise zu den Ältesten der Welt". Wir unterstellen, dass er erwartete, sie werde genau dieses Bild eines langen Lebens bei guter Gesundheit bestätigen.

In seinem gleichnamigen Buch, das Veronika Straass-Lieckfeld übersetzt hat und das bei National Geographic erschienen ist, schreibt er, dass er herausfinden wollte, ob es prägende Gemeinsamkeiten zwischen den Ältesten der Welt gibt und wenn ja, welche.

Nicht ganz ohne vorgefasste Meinung besuchte er sie. Doch die eingangs geschilderten Vorstellungen über die gesunde Lebensführung dieser Menschen verloren sich von Besuch zu Besuch mehr und mehr. Es gab starke Raucher, Übergewichtige, solche, die Alkohol genossen - und nicht nur mässig.

Gesunde Ernährung in unserem Sinne konnte er auch nicht speziell feststellen. Besondere sportliche und/oder körperliche Leistungen waren auch keine übereinstimmenden Merkmale. Sind die uns hinlänglich bekannten Tugenden eines gesunden Lebens, die zum Jungbrunnen führen sollten, nur eine Illusion?

Das sicher nicht, doch haben die unterschiedlichen Lebensprogramme der Ältesten dieser Erde nicht das bestätigt, wovon Andrew Jackson und vielleicht auch Sie und ich ausgingen. Gibt es also keine Übereinstimmung, ist alles Gott gegeben und wir können offensichtlich nichts Wesentliches tun, um in hoher Lebensqualität möglichst lange zu leben?

Andrew Jackson hat zuletzt doch noch eine Übereinstimmung festgestellt - obwohl die Besuchten in den verschiedensten Kulturen leben, in den unterschiedlichsten Lebensformen, klimatischen Verhältnissen und Religionen: Diese alten Menschen hatten alle noch ein Ziel, eine Vision, die sie noch nicht verwirklicht hatten.

Das Erreichen eines besonderen Zieles, der Abschluss eines noch nicht fertigen Projektes, können unglaubliche Lebenskräfte mobilisieren. Die Ziele sind meistens nachhaltig und haben eine kulturelle oder eine sozialethische Dimension. Diese Menschen wollen noch etwas Bleibendes schaffen, bevor sie sich aus dieser Welt zurückziehen.

Aus der Geschichte könnte man viele weltberühmte Künstler aufzählen, die noch hochbetagt Spitzenleistungen erbracht haben. Woher wohl hatten sie diese Lebenskraft? Spricht das nun gegen das Postulat, gesund zu leben? Können wir den Schluss ziehen, dass alle unsere zivilisatorischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse relativiert oder gar in Frage gestellt werden müssen?

Nein, es spricht viel dafür, seinen Körper, Geist und seine Seele zu pflegen. Dieser Dreiklang ist für eine harmonische und gesunde Lebensführung aus meiner Sicht sehr wichtig. Die Lehre aus Jacksons Erkenntnissen muss sein: Es ist wichtig, sich auch noch im hohen Alter immer wieder neue Aufgaben vorzunehmen, neue Ziele zu setzen, offen zu sein für Neues.

Darauf basiert die Position der terzStiftung. Wir erachten es weder als sozial noch als gesundheitsfördernd, wenn Menschen mit der Pensionierung sozial entsorgt, das heisst, nicht mehr gebraucht werden. Eine starke Lebensmotivation ist, wenn sich Menschen noch etwas zumuten, wenn das was sie tun einen Nutzen stiftet, einen Sinn hat.

Je bedeutender der Nutzen, je grösser der Sinn, desto stärker die Kraft, die für die Erfüllung generiert wird. Es ist die reine Verschwendung, wie verachtungsvoll wir mit dem Erfahrungswissen und den Kompetenzen älterer Menschen umgehen.

Wir nutzen diese vorhandenen Ressourcen nicht nur nicht, sondern produzieren noch zusätzlich Gesundheitskosten. Es ist bewiesen, dass wir Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, einen wesentlichen Lebensinhalt oder Lebenssinn entziehen.

Die negativen Folgen sind aus der Gesundheitsstatistik zu entnehmen. Das gleiche Phänomen kann bei Langzeitarbeitslosen festgestellt werden. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, vieles können wir selber tun.

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