Immer mehr Betrugsfälle mit Schockanrufen

Immer mehr Betrugsfälle mit Schockanrufen
(Bild iStock)
Vor einigen Wochen klingelte mein Telefon. Ich war gerade in einer Besprechung. Dass mein Telefon läutet, ist an und für sich nichts Spezielles.

Aber diesmal stockte mir der Atem, als ich den Anruf entgegen nahm. Der Anrufer teilte mir mit, dass mein Sohn im Spital sei. Er habe bei einem Unfall mit kochendem Wasser starke Verbrühungen erlitten. Sofort unterbrach ich die Sitzung und machte mich auf ins Spital, um mich um meinen Sohn zu kümmern.

An diesen Vorfall erinnerte ich mich, als ich vor kurzem von unserer Präventionsabteilung auf das Thema Schockanruf aufmerksam gemacht wurde. Dabei handelt es sich um ein Phänomen der Telefonbetrüger. Diese haben es vorzugsweise auf ältere Menschen abgesehen. Am Telefon erzählen angebliche Polizisten oder Staatsanwälte ihrem Opfer von einem Verkehrsunfall. Ein Familienmitglied sei darin verwickelt. Einmal ist das Familienmitglied schwer verletzt und muss umgehend operiert werden. Ein anderes Mal ist das Familienmitglied der Unfallverursacher und sitzt im Gefängnis. Möglicherweise tönt die Geschichte auch etwas anders. Auf alle Fälle muss das angerufene Opfer sofort Geld bezahlen. Sei es, damit das Familienmitglied notoperiert werden oder auf Kaution freigelassen und heimreisen kann.

Mit dem Phänomen der „Schockanrufe“ ergaunern die Telefonbetrüger in kürzester Zeit gewaltige Summen von mehreren hunderttausend Franken. Ganz im Gegenteil zu den Telefonbetrügern rund um die „Falschen Polizisten“. Die mit ihrem Phänomen von der Einbrecherbande oder dem korrupten Bankangestellten viel weniger Beute pro Anruf erzielen. Ich frage mich, wieso die „Schockanrufe“ so erfolgreich sind? Grundsätzlich funktionieren Telefonbetrüge immer nach dem gleichen Schema. Die Betrüger erzeugen eine persönliche Betroffenheit und eine zeitliche Dringlichkeit. Mit beiden Elementen wird Druck erzeugt.

Sie kennen den zeitlichen Druckaufbau vielleicht aus der Werbung. „Sonderangebot – nur noch heute gültig“ oder „Zwei für eins – Nur solange Vorrat“. Mit solchen oder ähnlichen Werbebotschaften soll der Kunde zum sofortigen Kauf verleitet werden, ohne dass er das Produkt mit anderen Angeboten vergleichen kann. Mit demselben Prinzip arbeiten die Telefonbetrüger. Die Notoperation muss jetzt sofort erfolgen, ansonsten muss möglicherweise mit dem Ableben des verunfallten Familienmitglieds gerechnet werden. Da bleibt keine Zeit, um eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen oder das Unfallopfer im ausländischen Spital zu besuchen.

Die zeitliche Dringlichkeit funktioniert aber nur, wenn das Betrugsopfer persönlich betroffen ist. Wenn ich in der Zeitung von einer Person lese, die sich Verbrühungen zugezogen hat, macht mich dies weniger betroffen, als wenn es sich um meinen eigenen Sohn handelt.

Der familiäre Bezug und die zeitliche Dringlichkeit stellen viele Personen unter grossen Druck. Wird dieser Druck über mehrere Stunden durch unzählige Anrufe aufrechterhalten, brechen Opfer ein und zahlen unglaubliche Summen. Wir sprechen hier von mehreren hunderttausend Franken pro Opfer. Das sind teilweise die gesamten Ersparnisse dieser Personen.

Daher gilt:

  • Wird am Telefon Druck erzeugt, soll das Gespräch sofort unterbrochen werden, indem das Telefon selber aufgelegt wird.
  • Niemals Geld oder Wertsachen an unbekannte Personen übergeben.
  • Eine nahestehende Person über den Anruf informieren. Auch wenn der Anrufer sie auffordert, mit niemandem darüber zu sprechen.
  • Betrüge oder Betrugsversuche der Polizei über www.telefonbetrug.ch melden.

Patrick Céréda, Medienchef der Kantonspolizei Zürich, schreibt in dieser Kolumne über die verschiedensten polizeirelevanten Themen, von Präventionstipps über Verhaltensregeln bis hin zu Geschichten aus dem Polizeialltag. 

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