Glück im Alter

Man muss nicht mehr – man darf

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Mit dem Alter ändert sich die Denkweise (Bild Cristian Newmann on Unsplash)

Studierende der Hochschule für Wirtschaft in Zürich bekamen eine komplexe Aufgabe: Sie mussten in einem Artikel beschreiben, was das Glück der Babyboomer ausmacht.

Von Patric Horisberger
Die Sonne scheint. Es sind angenehme 25 Grad. Am Bodenseeufer tummeln sich die Menschenmassen. Viele Familien mit Kinderwagen geniessen die ersten warmen Tage des Jahres. Aber nicht nur die Jungen geniessen das Wetter, auch die Älteren, über 65-jährigen. Sie sind meist zu zweit unterwegs und lassen sich draussen von Kellnern bedienen. Sie sehen glücklich und zufrieden aus. Doch was macht Glück im Alter aus? Warum sind ältere Menschen meist glücklicher als 30 Jahre jüngere?

Zuerst zur Definition des Glücks. Es gibt unterschiedliche Arten des Glücks. Sinnliches Glück, materielles Glück oder soziales Glück. Im Folgenden wird hauptsächlich vom sozialen Glück gesprochen. Wichtig ist, dass man im Alter stolz auf seine grossen und kleinen Erfolge sein kann. Der Begriff «alt» muss auch definiert werden, denn Senioren über 65 Jahren sind heute dank des medizinischen Fortschritts körperlich, wie auch geistig, weitaus fitter als Vorgängergenerationen.

Demnach kann man getrost auf das Sprichwort «Man ist so alt, wie man sich fühlt» verweisen. Die körperliche und geistige Fitness hat viel mit Glück zu tun, denn sobald man im Rollstuhl ist oder Krankheiten entwickelt, leidet das Glück und die Zufriedenheit.

Elsa Meier, 83-jährig, und seit 5 Jahren auf den Rollator angewiesen, sagt dazu: «Ich schätze mich als glücklichen Menschen ein. Ich habe in meinem Leben so ziemlich alle meine gesteckten Ziele erreicht. Ich habe zwei Töchter und drei Enkelkinder, die sich liebevoll um mich kümmern. Nur etwas trübt das Glück. Nein, nicht, dass ich meinen Ehemann verloren habe, darüber kommt man hinweg. Früher war ich selbständiger.

Heute muss ich mich mit dem Rollator bewegen und kann keine weiten Distanzen mehr gehen. Zu Hause bekomme ich, wenn niemand von der Familie Zeit findet, Besuch von der Spitex. Sie hilft mir im Haushalt und kümmert sich um den Einkauf. In ein Alters- oder Pflegeheim möchte ich erst, wenn es nicht mehr anders geht. In meiner Wohnung bin ich glücklicher und ich fühle mich trotz der Hilfe selbständiger.»

Die Zeit als Senior ist eine dankbare Zeit. Man hat sein Leben lang gearbeitet und hat sich selbst womöglich vernachlässigt. Ziele, wie seinen Kindern die bestmögliche Ausbildung zu bieten, in der Karriere aufzusteigen oder beim nächsten Sportwettkampf zu gewinnen, haben das persönliche Glück in jüngeren Jahren beeinträchtigt.

Nun, da diese Faktoren nicht mehr sind, hat man wieder Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man kann neue Hobbies entdecken. Sein Hobby vielleicht sogar zum Beruf machen und sich etwas dazuverdienen. Denn man ist ja so alt, wie man sich fühlt. Und das fördert schlussendlich auch das Glück.

Das sagt auch der Altersforscher Prof. Sven Voelpel aus Bremen: «Überaus wichtig ist die mentale Einstellung. Das stärkste Konzept ist das Konzept der Selbstwirksamkeit. Als Beispiel nenne ich einen Leistungssportler, der sich vorstellt, wie er die Goldmedaille gewinnt und sie dann gewinnt.

Alle seine Emotionen und Gedanken zielen in der Vorbereitung und während des Wettkampfes auf diesen Moment des Triumphes ab. Dasselbe Konzept wirkt auch im Alter. Wenn man sich selbst noch vieles zutraut, wird man das höchstwahrscheinlich auch erreichen.»

Mit dem Alter ändert sich die Denkweise auch in anderer Hinsicht. Man «muss» nicht, man «darf». Man muss nicht mehr frühmorgens aus dem Bett. Man muss nicht zur Rush-Hour in die überfüllten Züge steigen. Man muss nicht am Feierabend noch einkaufen gehen.

Man muss auch nicht mehr auf den Chef hören. Dass man diese und andere Punkte nun getrost ignorieren kann, ist ein weiterer Grund dafür, dass das Glück im Alter wächst.

Aus demografischer Sicht wird die Schweiz immer älter. Die Zunahme der älteren Personen in der Schweiz ist gemäss Bundesamt für Statistik Tatsache. Gründe dafür sind tiefere Geburtenraten und eine höhere Lebenserwartung. Die Geburtenziffer pro Frau ist von 3,7 Kindern zu Beginn des 20. Jahrhundert, auf 1,5 Kinder zurückgegangen.

Man spricht von einer Alterung an der Basis der Alterspyramide. Durch die Lebenserwartung, die sich seit dem späten 19. Jahrhundert verdoppelt hat, ergibt sich auch eine Alterung am anderen Ende der Alterspyramide, nämlich an der Spitze.

Nun stellt sich die Frage, ob eine zunehmend ältere Schweiz zum Schluss auch glücklicher ist. Auf jeden Fall können jüngere Generationen viel von den Älteren lernen. Womöglich auch, wie man glücklich wird.

 

 

 



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