Mit 94 Jahren Methusalem der Sprinter

Mit 94 Jahren Methusalem der Sprinter
100-Meter-Sprinter: Charles Eugster (94).
Charles Eugster aus dem zürcherischen Uitikon ist 94-jährig, trainiert wie ein Leistungssportler und will vom Ruderer zum 100-Meter-Läufer werden.

Nicht zum Plausch, sondern um an internationalen Wettkämpfen Medaillen zu gewinnen, schreibt Andreas Schmid in der «NZZ am Sonntag».

Der Dienstag eigne sich am besten für einen Besuch, da habe er Ruhetag, sagt Charles Eugster am Telefon. Als er den Gast in seinem Haus in einer Terrassensiedlung in Uitikon bei Zürich empfängt, hat der Senior dann aber doch ein Training in den Beinen.

Er sei am Vormittag «seckle» gegangen, erzählt er in englisch gefärbtem Schweizerdeutsch. Im Juli wird Eugster 94 Jahre alt, was ihn nicht daran hindert, sich neue sportliche Ziele zu setzen. Als Ruderer und in der Sparte Fitness ist der britisch-schweizerische Doppelbürger seit Jahren in Masters-Wettkämpfen erfolgreich, nun will er als Leistungssportler in zusätzlichen Disziplinen auf Medaillenjagd gehen.

Über 100 Meter und allfällig im Kugelstossen plant der Athlet zusammen mit seiner Personal Trainerin Sylvia Gattiker an den World Masters Games im August in Turin Debüts. Sollten diese gelingen, steht im Oktober eine Teilnahme an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Senioren in Porto Alegre in Brasilien zur Diskussion.

Fest im Programm steht zudem der Ruderwettbewerb an den World Masters im September in Varese. Auf Eugsters Stubentisch liegen die «International Herald Tribune», die «Financial Times» und der «Economist». Er spricht über die Wirtschaftslage, diskutiert über Politik und erwähnt seine Aktivitäten auf Facebook und Twitter als Selbstverständlichkeiten.

«Ein Leben ohne Computer wäre für mich unvorstellbar», betont der frühere Zahnarzt. Dass er im hohen Alter viermal wöchentlich trainiert, um an Wettkämpfen in Topform zu sein, weiss Eugster zu begründen: Der Körper stosse nur im sportlichen Wettbewerb das für die Gesundheit wertvolle Adrenalin aus.

Ausserdem sei der Ernstkampf der Antrieb, um sich zu quälen. «Ich fordere mich bei Kraftübungen bis zur Erschöpfung der Muskulatur und gehe im Ausdauertraining an meine Grenzen», sagt der Rentner. Obwohl ihm jeder Mediziner widersprechen würde, sei er von dieser Methode überzeugt.

Eugster hat denn auch keinen Arzt; er wolle nicht, dass ihm jemand wegen seiner Atemprobleme vom Sporttreiben abrate. Zum Doktor gehe er nur, wenn er alle paar Jahre nachweisen müsse, dass er noch genügend fit zum Autofahren sei. Längere Ausflüge unternimmt der rüstige Lenker allerdings nicht mehr.

Nicht, weil er sich solche nicht zutraue, sondern weil ihn am Steuer ein beklemmendes Gefühl begleite, seit seine Frau vor dreizehn Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei. Eugster schwört darauf, täglich fünf verschiedene Früchte und Gemüse zu essen.

Zum Frühstück nimmt er als Zusatz Molke ein. Medikamente brauche er keine, einzig mit Vitamin D und Omega 3 ergänze er seine Ernährung. Den gesunden Lebenswandel stellt der eigenwillige Senior in einen grösseren Zusammenhang. Andere Alte verursachten nach der Pensionierung hohe Gesundheitskosten und leisteten keinen Beitrag für die Gesellschaft, kritisiert Eugster seine Generation.

«Viele chronische Krankheiten könnten durch Änderungen des Lebensstils vermieden werden», behauptet er und führt an, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung an Diabetes litten, 12 Prozent fettleibig seien und in den USA jedes Jahr 600 000 künstliche Kniegelenke eingesetzt würden.

«Das System wird kollabieren.» Eugster befürchtet, dass seine Enkel deshalb dereinst in Armut leben müssen. Indem die Politik das Pensionsalter vorgebe und die Menschen damit gemessen an der Lebenserwartung viel zu früh aus dem Arbeitsprozess ausschliesse, trage sie wesentlich zur verheerenden Entwicklung bei.

«Meine Meinung über die Politik ist im Keller. Deshalb beteilige er sich auch nicht aktiv in der Partei», sagt das FDP-Mitglied. «Ich würde mich zu stark aufregen.» Stattdessen schreibt Eugster an einem Buch, das in einem englischen Verlag erscheinen soll und sich mit Senioren-Sport und dessen gesellschaftlichen Auswirkungen befasst. Für seine neue Karriere als 100-Meter-Sprinter hat sich der Veteran viel vorgenommen.

«Ich nehme an keinem Wettkampf teil, wenn ich nicht eine Chance für die Goldmedaille sehe», stellt Eugster klar. Er visiere für die Masters Games eine Zeit im Bereich von 19 Sekunden an. «Derzeit liegt dies zwar noch in weiter Ferne, aber ich lasse das Ziel nicht aus den Augen.»

Zudem sei es wichtig, stets Neues zu versuchen, «denn so entdeckt man schlafende Talente». Seine Trainerin Sylvia Gattiker sagt, dass das Programm für ihren Schützling auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgebaut sei.

Sie setze auf qualitativ hochwertige Einheiten und längere Ruhephasen dazwischen. Die Arbeit mit dem 94-Jährigen reize sie auch deshalb, weil die Trainingslehre bei 65- bis 70-Jährigen aufhöre. Derzeit sei Eugster eine Ausnahme, das werde sich aber ändern.

Dass ein Senior ausgerechnet zum Sprinter wird, erklärt Gattiker mit den Atemproblemen Eugsters bei längeren Belastungen sowie mit seiner guten athletischen Verfassung. Neben Lungen-Training absolviert er Einheiten im Fitnesszentrum und auf der Bahn.

Für die 100 Meter übt er den Hochstart - der eigne sich besser für ihn. Gattiker hat Eugster seit vier Jahren unter ihren Fittichen. Damals hätten ihn Rückenschmerzen geplagt und er sei ausser Form gewesen. Jetzt müsse sie ihn dagegen oft bremsen, weil er enorm ehrgeizig sei und zu schnell zu viel wolle.

In seiner Jugend, die er in England verbrachte - seine Toggenburger Vorfahren waren ausgewandert -, und während des Studiums in der Schweiz und im Ausland war Charles Eugster vor allem als Ruderer, Boxer und Rugbyspieler aktiv. Wettkämpfe bestritt er danach lange nicht mehr, erst im Alter von 63 Jahren gab er ein Comeback als Ruderer.

Auch beruflich blieb er lange tätig - mit 82 gab er letztmals sein Mitteilungsblatt für Zahnärzte heraus, seine Praxis hatte er bis 75 geführt. Als 85-Jähriger sei er in eine Alterskrise geraten, vergleichbar mit der Midlife-Crisis, erzählt Eugster. "Ich war arbeits- und perspektivelos.»

Dank dem Training und den Zielen sei ihr sportlicher Zögling nun wieder recht zufrieden, findet die Trainerin Gattiker. Zu seinem vollkommenen Glück fehle ihm aber eine Partnerin, am besten so um die 70. Eugster suche zwar auf einer Dating-Plattform, doch es sei für ihn äusserst schwierig, jemanden zu finden, der seinen hohen Ansprüchen genüge.

www.nzzamsonntag.ch

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