«Verkommen wir alle zu Workaholics?»

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Wir verkommen zu Workaholics! (Foto: Fakurian Design on Unsplash)
Jürg Ramspeck (Ü70) und Joëlle Weil (U30) wundern sicht, dass es sich in der jeweils anderen Generation überhaupt zu leben lohnt.

Die Nachwuchsjournalistin und der bekannte Autor stellen sich deshalb im «Blick am Abend» gegenseitig Fragen, um den Generation-Clash etwas abzufedern - oder sich gar gegenseitig zu verstehen.

"Young Küken" Joëlle Weil fragt:

Lieber Herr Ramspeck
Die Schweiz ist in Ferienstimmung und theoretisch haben wir alle frei und Zeit, uns um unser Privatleben zu kümmern. Die Realität sieht bei manch einem anders aus. Heute wird erwartet, dass man 24 Stunden 7 Tage die Woche für den Job da ist. Auch am Wochenende sind die meisten Arbeitnehmer erreichbar, checken ihre Mails oder fahren für ein paar Stunden am Sonntag ins Office. Ich werfe an dieser Stelle den ausgelutschten Begriff Work-Life-Balance in die Runde. Wie beurteilen Sie diese Tendenz? War es zu Ihrer Zeit schon eine Jobanforderung, 24/7 verfügbar zu sein?

"Elder Statesman" Jürg Ramspeck antwortet:

Liebe Joëlle
In den verflossenen Siebzigern redigierte ich in freien Stunden die Hauszeitung der Schweizer Niederlassung eines amerikanischen Grosskonzerns. Im Rhythmus von dreieinhalb Jahren hatte ich für diese Publikation die Nachrufe auf drei jäh verstorbene Generaldirektoren zu verfassen. Quasi auf drei Herzinfarkte. Aber ich bin mir sicher, es war nicht die Arbeit, die sie dahingerafft hatte, es war die Angst. Die Angst, den Anforderungen nicht zu genügen, vorgegebene Ziele zu verfehlen, vom Sockel wieder herunterzufallen. Und diese Angst ist zweifellos ein miserabler Ratgeber. Ich lernte in dieser Firma Menschen kennen, die mir wie moderne Leibeigene vorkamen, Menschen unter Druck und panisch darauf bedacht, nie ein falsches Wort zu sagen. Dabei vertrieb das Unternehmen durchaus sympathische Produkte, und jeder Mitarbeiter besass ein Exemplar der hauseigenen "Philosophie", in der sein Wohlbefinden angeblich an erster Stelle stand. Als Hauszeitungs-Redaktor, der letztlich von der Firma nicht abhängig war, fungierte ich unter den Angestellten als bunter Vogel und schloss aus manchem Seufzer, wie gut ich es hatte: zu arbeiten, gewiss für den Lohn, aber nicht bis zum Verlust des Lebens an den Lebensunterhalt. Natürlich trägt der Mobilfunk jetzt dazu bei, die Verfügbarkeit des Einzelnen ins Absolute zu steigern. Früher war man wenigstens auf dem Sonntagsausflug sicher vor dem Terror. Die Work-Live-Balance war doch noch deutlich ausgeglichener.

www.blickamabend.ch

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