Vreni Schneider – die Frau des zweiten Laufs

Skirennfahrerin Vreni Schneider.
Endlich 50! Skirennfahrerin Vreni Schneider.
Vreni Schneider dominierte in den achtziger und neunziger Jahren ihre Konkurrenz oft nach Belieben. Nun widmet sie sich ihrer Familie und der Skischule.

Perfektion hat sie sich abgewöhnt, schreibt Manuela Nyffenegger auf «nzz.ch». Lillehammer 1994: Die Schweizer Skination hängt vor dem Fernseher und wartet auf den zweiten Lauf des olympischen Frauenslaloms. Vreni Schneider, über Jahre die grosse Dominatorin in der Disziplin, liegt nach dem ersten Durchgang nur auf Platz 5.

Aber alle wissen: Das ist noch nicht das Ende, zu oft hat die Glarnerin dem Rennen noch einen Erfolg abgetrotzt. Und so ist es auch diesmal in Norwegen: Vreni Schneider gewinnt nach einem Traumlauf abermals Olympiagold. Es ist ihr schönster Titel.

Ein Jahr später - nach dem dritten Sieg im Gesamtweltcup und insgesamt 100 Podestplätzen - tritt die erfolgreichste Schweizer Skirennfahrerin der Geschichte vom Rennsport zurück. Es ist kalt in Elm an diesem Novembermorgen.

Die Berge rund um das Dorf im hinteren Sernftal sind schon verschneit, und die Sonne hat die Talsohle noch nicht erreicht. Vreni Schneider sitzt in ihrem Skischul-Büro und spricht über Erinnerungen, über ihre Familie und darüber, was ihr vom Spitzensport für ihr "normales" Leben geblieben ist.

Nein, stolz sei sie nicht auf sich. Aber zufrieden und dankbar, dass sie ein solches Talent geschenkt bekommen habe. Das sei wie eine Verpflichtung gewesen, das Beste aus sich herauszuholen. Dafür hat die Elmerin, die am Mittwoch 50 Jahre alt wird, dann auch alles getan.

Sie schindete ihren Körper jahrelang gnadenlos, um topfit zu sein. Noch mit 30 Jahren war sie konditionell die Beste im Team. Verpasste sie wegen Sponsoren-Verpflichtungen einen Trainingstag, kompensierte sie ihn am Abend. Vor einem Rennen joggte sie schon am Vorabend zum Zielhang und studierte ihn.

Am Morgen dann war sie die Erste beim Frühstück, im Skiraum und bei der Pistenbesichtigung. "Ich war eine absolute Perfektionistin und tat alles für eine optimale Vorbereitung", so erklärt sie sich ihren Erfolg. "Mit Talent hätte ich vielleicht 15 Weltcup-Rennen gewonnen, aber sicher nicht 55."

Heute können Firmen Vreni Schneider buchen, um mehr über Motivation zu erfahren. "Man kann viel mehr erreichen, als man glaubt", ist sie überzeugt, "wenn man etwas mit Leidenschaft macht. Dann darf man sich nicht abbringen lassen vom Traum." Niederlagen taten auch ihr weh.

Doch sie machten sie stärker, weil sie dann wissen wollte, was sie falsch gemacht hatte. Und noch einen Vorteil sieht sie in Krisen: "Wenn es einem schlechtgeht, sieht man, wer wirklich zu einem steht." Die Frau, die so hart war mit sich selbst, konnte und kann dies nicht gegenüber anderen sein.

Vreni Schneider ist auch ein Gefühlsmensch. Als sie in der Saison 1988/89 die bis heute gültige Rekordserie von 14 Weltcup-Siegen hintereinander hinlegte, taten ihr ihre Konkurrentinnen leid. "Ich hätte mit verkehrten Ski fahren können und trotzdem gewonnen, so gut ging alles auf", erinnert sich Schneider.

"Aber ich musste es ausnützen, so eine Serie geht ja auch zu Ende." Ihre Gefühle beeinflussten ihre Leistung immer wieder. Als im Januar 1994 Ulrike Maier in Garmisch tödlich verunfallte, plagten Schneider Zweifel. Darf man weitermachen nach so einem Unglück? Im nächsten Rennen in Sierra Nevada war sie immer noch voller Trauer um die österreichische Kollegin und fuhr im ersten Slalomlauf grottenschlecht - zwei Sekunden Rückstand.

"Das will ich dann doch nicht. Es bringt Ulli ja nicht zurück", sagte sich Schneider - und holte sich mit einem phantastischen zweiten Lauf noch den Sieg. Für das emotionale Gleichgewicht der Sportlerin ausschlaggebend war immer ihre Familie - die Geschwister, aber vor allem der Vater.

Vreni Schneider hatte mit 16 Jahren ihre Mutter wegen eines Krebsleidens verloren, der Vater war ihre engste Bezugsperson. Lief es ihr nicht gut im Rennen, telefonierte sie mit ihm, und er baute sie wieder auf. Sie war deshalb eine der Ersten im Rennzirkus, die ein Handy besassen.

Heute gilt Vreni Schneiders Engagement ihrer Ski-, Snowboard- und Rennschule und neben der grossen nun auch ihrer eigenen kleinen Familie. Die beiden Buben Florian (10) und Flavio (8) sind ihr neben dem Ehemann Marcel Fässler das Wichtigste im Leben. Ihr gehe es eigentlich immer gut, sie sei sehr zufrieden und dankbar, dass sie Mutter sein dürfe, sagt die Elmerin.

"Auch wenn ich nächtelang mit einem Kleinen auf dem Arm herumlaufen musste, habe ich diese Nähe zum Baby genossen." Mit Schlafmanko habe sie schon als Sportlerin umgehen müssen. Die beiden Buben haben auch etwas fertiggebracht, das sie vorher nie schaffte: Sie haben ihr die Perfektion abgewöhnt.

"Zu Hause geht es drunter und drüber, aber das ist mir jetzt egal." Dass die beiden bereits begeisterte Skifahrer sind und der grössere für Rennen trainiert, beobachtet sie mit gemischten Gefühlen. Einen Ausflug in eine andere Welt unternahm Schneider im Jahr 2012, als sie am Schweizer Fernsehen zweimal als Sängerin auftrat.

"A Gruass us de Bergä" am 1. August verlief ohne Probleme. Der zweite Auftritt in der Sendung "Happy Day" geriet allerdings zu einem Fiasko. Die Medien transportierten viele hämische Reaktionen, attestierten der Elmerin kein Talent. Sie war eher zufällig zum Gesang gekommen und hatte aus Freude mitgemacht.

"Die Kritik war ja auch berechtigt", sagt Schneider heute. Jenen, die brieflich bei ihr reklamierten, schickte sie einen Entschuldigungsbrief mit dem Geld für die CD und dem Ratschlag, sich doch nicht so aufzuregen, das sei ungesund. Auftreten werde sie nicht mehr, sagt sie heute.

Doch neben den unzufriedenen habe sie auch viele positive Reaktionen erhalten. Die Aufnahme einer zweiten CD sei deshalb noch im Hinterkopf. "Das wäre dann ein zweiter Lauf", schmunzelt sie. Abschreiben sollte man Vreni Schneider nie zu früh.

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