Wohlfühlanrufe für Golden Agers

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Hilfe gegen Vereinsamung: Regelmässige Telefonanrufe (Bild: Fotolia)
Ungewöhnlicher Service von Ehrenamtlichen: Regelmässige Telefonate sollen Ältere aus Einsamkeit und Depression holen.

Wenn ältere Leute von ihren Kindern einen Gutschein für "Wohlfühlanrufe" geschenkt bekommen, brauchen sie nicht rot zu werden.

"Man kann am Telefon nicht nur Sex machen", sagt Elsbeth Rütten. Seit anderthalb Jahren bietet ihr gemeinnütziger Verein "Ambulante Versorgungsbrücken" einen Service weit jenseits des Rotlichtmilieus an: Wer sich einsam fühlt oder einfach etwas Abwechselung sucht, kann sich von dem Bremer Verein anrufen lassen - für 35 Euro im Vierteljahr.

"Hausbesuche per Telefon", nennt die 65-jährige frühere Krankenschwester dieses weltanschaulich neutrale Angebot, das schon von hundert Menschen in ganz Deutschland genutzt wird. Meist sind es alleinstehende Rentnerinnen; aber auch ein Dutzend Männer oder einzelne Ehepaare stehen in der Kartei.

Die älteste Kundin ist 92 und wird immer von derselben Vereinsdame angerufen: Nur die kann mit ihr, wie gewünscht, Platt schnacken. Bisher sind es lediglich Frauen, die ehrenamtlich den Telefondienst im Vereinsbüro übernehmen.

Ihre Gespräche dauern wenige Minuten oder auch mal eine Stunde, und wie oft sie sich melden, ist Vereinbarungssache - egal, ob dreimal wöchentlich oder einmal im Monat. So bunt wie das Leben sind die Themen.

"Das können ganz normale Alltagsgespräche sein, wie man sie auch am Gartenzaun mit dem Nachbarn führen würde", erzählt die weißhaarige Vereinsvorsitzende, die selber Single ist. "Aber wir hatten auch schon tiefgehende politische Diskussionen."

Nicht nur das: "Wir singen, wir beten, wir lesen Gedichte vor - wir machen alles." Und zwar sehr niedrigschwellig. "Wir kommen viel eher durch die Tür als ein professionelles Hilfsangebot", sagt Rütten.

Sie streckt abwehrend ihre Hände aus und zitiert dabei einen häufig gehörten Spruch älterer Menschen, wenn Angehörige ihnen einen Putz- oder Pflegedienst empfehlen: "Das brauche ich alles nicht."

Aber falls sie sich auf die Wohlfühlanrufe einlassen, dann öffnen sie sich manchmal auch für weitere Hilfen, und die Telefondamen suchen ihnen die passenden Adressen heraus. Ausserdem, hat Rütten festgestellt, wirken die Anrufe aktivierend.

"Sie machen Lust, auch mal wieder rauszugehen, etwas Neues zu entdecken, Neues zu lernen." Oder mit Konflikten in der Familie anders umzugehen. Wenn eine ältere Kundin tagelang nicht zu erreichen ist, dann fragen die Bremer auch mal bei den Kindern nach, ob wohl alles in Ordnung ist mit der alten Dame.

Aber einen Hausnotruf können sie nicht ersetzen. Und auch der Telefonseelsorge wollen sie keine Konkurrenz machen. "Wir sind kein Krisendienst und keine therapeutische Stelle", sagt Rütten.

Viele Kunden - nach Rüttens Schätzung etwa die Hälfte - bekommen das Telefon-Abo von ihren erwachsenen Kindern geschenkt. Aus Liebe. Und manchmal auch aus Verzweiflung.

"Ich kann es nicht mehr hören", sagen manche Angehörigen, wenn Mutter oder Vater zum tausendsten Mal dieselbe Geschichte erzählen.

Die 15 Ehrenamtlichen, fast alle aus sozialen Berufen und im Rentenalter, können solche Wiederholungen besser aushalten. Und werden dafür noch belohnt.

"Hinterher leuchten ihre Augen", sagt Rütten. "Und die der Angerufenen wahrscheinlich auch."

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