Den Anschluss verlieren – Was bedeutet das eigentlich und wie lässt sich dem entgegenwirken?

Immer wieder hört man über ältere Menschen, dass sie inzwischen den Anschluss verloren haben.

Begleitet sind diese Feststellungen immer von Mitleid oder gar Trauer und man fragt sich: Wie genau hat er oder sie denn eigentlich "den Anschluss verloren"? Kann daran nicht etwas geändert werden? Und wie konnte es überhaupt soweit kommen? Es gibt ganz verschiedene Gründe dafür, dass Menschen im Alter den Anschluss verlieren. Doch es gibt auch Methoden, wie sich genau das verhindern lässt – und wie man im Alter noch einmal richtig aufblühen kann.

Wenn man plötzlich pensioniert ist

Widmen wir uns zuerst der Frage, was mit „den Anschluss verlieren“ eigentlich gemeint ist. In der Regel sagen Betroffene nicht über sich selbst: „Ich habe den Anschluss verloren“. Ein Gefühl, das diesen Zustand beschreibt, mag durchaus vorhanden sein. Die Feststellung, dass jemand den Anschluss verloren hat, machen aber meistens andere – oft entfernte Bekannte oder auch jüngere Verwandte. Der „Anschluss“ lässt sich zwar auch verlieren, wenn man noch jünger ist, vor allem ältere Menschen aber sind davon betroffen.

Mit „Anschluss“ gemeint ist der Anschluss an die Gesellschaft. Mit diesem Verlust, der meistens im Zuge und oft auch in Folge der nachlassenden Leistungsfähigkeit und eines zunehmenden körperlichen Verfalls einhergeht, kann nicht jeder gut umgehen.

Viele Menschen reagieren auf ihn mit sozialer Isolation und mit Rückzug. Oft verlieren Ältere den Anschluss zunächst im Kopf – sie „kommen nicht mehr mit“, wenn es um bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, politische Prozesse oder allgemeine Diskurse geht. Dann folgt auch der körperliche Rückzug; oft aus Angst vor Überforderung und Verwirrung. Es kommt zu Depressionen und einer weiteren Zunahme von Ängsten.

Auswirkungen des veränderten Alltags im Alter

Wer die gewohnten Lebenskreise verlässt und seinen Alltag grundsätzlich ändert und einschränkt und wer zusätzlich auch noch mit Verlusten im näheren Umfeld umgehen muss (die sich mit dem Älterwerden häufen werden), gerät schnell in eine nicht enden wollende Krise. Krankheiten und gelockerte Familienverhältnisse geben einem den Rest, die Lebensfreude nimmt stetig ab.

Leider trägt das Arbeitsmodell der modernen Gesellschaft mitunter seinen Teil zu diesem Status des Älterwerdens bei. Das Magazin „Demografische Forschung“ berichtete bereits im Jahr 2014 nach der Auswertung von Daten aus den Jahren 2003-2005 darüber, dass sowohl Männer, als auch Frauen, die früh in Rente gingen, eine deutlich geringere Lebenserwartung hatten. Je später der Renteneintritt, desto größer somit die bleibende Lebenserwartung.

Nun könnte man argumentieren, dass vor allem kranke und zermürbten Arbeitnehmer die Frührente in Anspruch nehmen, die sowieso schon eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben. Allerdings wird dabei ein Aspekt vergessen, nämlich der, dass die Frührente selbst auch krankmachen kann.

Die FAZ erklärte mit Bezug auf eine Studie aus der Stahlindustrie Österreichs, dass Stahlwerker, die vorzeitig in Rente geschickt wurden, ein deutlich höheres Sterberisiko hatten, als die länger arbeitenden Kollegen. Das liege daran, dass bei den Frührentnern das Gefühl aufkomme „nicht mehr gebraucht zu werden“.

Überforderung moderner Alltag

 

Langeweile und Überforderung – Ein Teufelskreis

Doch nicht nur Frührentner verlieren immer wieder den Anschluss. Es kann auch allen anderen im Alter so gehen. Oftmals löst die Überforderung des modernen Alltags das Gefühl aus, nicht mehr mitzukommen. Nicht mehr mitreden zu können, nichts mehr beeinflussen und steuern zu können. Ein mentaler Rückzug in die „gute alte Zeit“, als alles noch einfacher und besser war und ein physischer Rückzug in die eigenen vier Wände sind die Konsequenz.

Auf der anderen Seite steht aber auch die Langeweile. Nicht selten kommt sie mit dem beschriebenen Rückzug. Doch selbst, wenn ältere Menschen sich gar nicht wirklich zurückziehen, kommt Langeweile oft einfach schon mit der Pensionierung auf. Immerhin hat man dann plötzlich den ganzen Tag frei – ein Großteil der Zeit, die vorher fürs Arbeiten fest eingeplant und somit mit Aktivitäten gefüllt war, steht nun frei zur Verfügung. Was anfangen mit all der Zeit?

Aus Überforderung auf der einen und Langeweile auf der anderen Seite wird eine Art lähmender Teufelskreis. Einerseits sind viele ältere Menschen noch gewillt, Dinge zu unternehmen, sich auszutauschen und vielleicht sogar neue Kontakte zu knüpfen. Andererseits finden sie dafür vielleicht einfach nicht den richtigen Ort und nicht die passenden Gleichgesinnten.

Irgendwann wird sich dann einfach damit abgefunden, dass das Alter wohl so ist. Diese Resignation ist durchaus verständlich – aber sie sorgt letztlich auch nur dafür, dass Menschen den Anschluss verlieren.

Die Mitte zwischen analog und digital finden

Es lässt sich nicht abstreiten, dass das menschliche Gehirn im Alter langsamer wird. Diese zunehmende Gemächlichkeit, nicht selten gepaart mit einer eigentlich als positiv zu wertenden Altersgelassenheit, steht im Kontrast zur Digitalisierung der Gesellschaft. Hier lautet das Motto: Schneller, bis es nicht mehr schneller geht. Um der digitalen Entwicklung folgen zu können, muss sich ständig auf den neusten Stand gebracht werden. Für die Jüngeren in der Gesellschaft kein Problem; vor allem nicht für all diejenigen, die mit Computern und vielleicht sogar Tablets und Smartphones groß geworden sind.

Die digitale Generation nutzt moderne Technologien nicht nur, um zu lernen und zu arbeiten. Vor allem wird sich auch digital vernetzt. Viele Bekanntschaften finden heute entweder nur noch digital statt oder starten zumindest im Internet. Soziale Medien bieten die Möglichkeit, am Leben anderer teilzuhaben und sich sogar anzufreunden ohne die andere Person je persönlich getroffen und kennengelernt zu haben. Für die Jungen ist das ganz normal, auf viele Ältere wirkt es befremdlich.

Wichtig ist aber für beide Seiten – also für die Jüngeren und die Älteren – die Mitte zwischen analogem und digitalem Leben zu finden. Denn viele junge Menschen, für die mehrere Stunden am Smartphone pro Tag zur Normalität gehören, sind wiederum mit modernen Problemen konfrontiert. Auch zu lange Aufenthalte in der digitalen Welt können zu Vereinsamung führen.

Sich mit neuen Technologien auseinandersetzen

Hinzu kommen oft Selbstzweifel durch kritikwürdige Ideale und Idole. Die vielen Eindrücke und Informationen machen es schwer, zu differenzieren und gesund zu urteilen. In diesen Punkten sind einige Jüngere der älteren Generation also gar nicht so fern. Für jene gilt wiederum, dass es wichtig ist, sich mit neuen Entwicklungen aktiv und bewusst auseinanderzusetzen. Die oft zu beobachtende totale Technikverweigerung aus Ignoranz oder Angst vor dem Unbekannten ist zu überwinden.

Denn wer sich mit der Technik auch im Alter noch beschäftigt, profitiert von vielen praktischen und schönen Dingen. Als Beispiele zu nennen wären hier etwa Dinge wie Videoanrufe. Gerade in Zeiten, in denen man die Familie und vielleicht vor allem die geliebten Enkel nicht sehen kann, ist es toll, trotz Distanz verbunden zu bleiben. Es gibt verschiedene Anbieter und Möglichkeiten, die Liebsten per Video zu sehen und zu hören. Im Vergleich zum altbekannten, herkömmlichen Telefon ist das doch noch einmal eine etwas schönere Variante des Austausches.

Doch das ist längst nicht alles. Die Beschäftigung mit Computern und dem Internet ermöglicht es zudem, unkompliziert und schnell mit Menschen gleichen Alters in Kontakt zu treten. Sie haben vielleicht die gleichen Gedanken, Probleme, Wünsche und Sorgen, wie man selbst. Nicht alleine der Austausch über Foren, soziale Medien, wie Facebook, WhatsApp, Telegram, Twitter und ähnliche Dienste, sondern auch die Möglichkeit, sich stets über aktuelle Nachrichten und altersspezifische Themen (auch auf Portalen wie dem unsrigen) zu informieren, ist enorm wichtig. Der Eindruck oder das Gefühl, „den Anschluss zu verlieren“ kann auf diese Weise weniger leicht entstehen!

Ein fataler Gedanke: "Das geht nicht mehr"

Es gibt einen Gedanken, den die meisten Menschen im Laufe des Älterwerdens haben werden. Der Gedanke "das geht nicht mehr" oder „dafür bin ich zu alt“ gehört zum Leben dazu, wenn die Knochen und Muskeln "müde" werden und auch die geistige Leistungsfähigkeit wohl oder übel abnimmt. In manchen Situationen und in Bezug auf manche Dinge können solche Gedanken durchaus hilfreich oder gar lebensrettend sein.

Dennoch kann dies auch negative Folgen haben – nämlich, wenn sich eine solche Denkweise in allen möglichen Alltäglichkeiten einschleicht und dadurch weitere Handlungen beeinträchtigt, eingeschränkt und bestimmt werden. Geht es darum, etwa im Straßenverkehr die Entscheidung zu treffen "Schaffe ich es noch über die Ampel, obwohl die Grünphase jeden Moment endet oder warte ich, bis die Ampel erneut auf Grün springt?", ist es ein durchaus sinnvoller biologischer-psychologischer Mechanismus, wenn man sich fürs geduldige Warten entscheidet.

Geht es aber etwa um die Frage der allgemeinen Bewegung (oder auch bestimmter geistiger Tätigkeiten) so wirkt der Gedanke in der Regel negativ und tritt leider doch allzu häufig auf. Oftmals nämlich unterschätzen ältere Menschen sich, wenn es darum geht, zu entscheiden, zu was man noch "in der Lage" ist. Das hat auch mit der allgemeinen Vorstellung zu tun, dass das Alter ganz automatisch für bestimmte Dinge disqualifiziert – vollkommen unabhängig davon, wie der Einzelfall sich darstellt.

Sich nicht von negativen Gedanken einschränken lassen

Mit über 70 noch regelmäßig Joggen gehen? Oder gar ausgefallenere Sportarten, wie Karate oder Rudern ausprobieren? Da machen die Arme und die Beine doch nicht mit! Mit über 80 noch Schach spielen? Oder sich in die Welt der Computerspiele wagen? Da kommt man doch nicht mehr hinterher!

Auch unsere westliche Gesellschaft, die die Alten häufig auf ein Abstellgleis befördert, statt sie weiterhin in den Alltag einzubinden und sie zu fordern und zu fördern, trägt ihren Teil zur Abschottung der Älteren bei. Der aktuelle Diskurs tendiert hier dennoch eher in eine positive Richtung. Ältere sollen gesellschaftlich nicht länger benachteiligt werden und möglichst auch mit den anderen Generationen in Kontakt bleiben. Mehrgenerationenhäuser sind einer von vielen guten Ansätzen, um solche Ziele zu realisieren.

Dramatisch ist der Gedanke "Das geht nicht mehr" weiterhin, wenn es um Aktivitäten geht, die man schon immer einmal machen wollte, für die jedoch bisher nie Zeit war. Etwa, weil man in jungen Jahren ständig gearbeitet oder das Ganze aus sonstigen Grünen immer aufgeschoben hat.

Ein Beispiel hierfür wäre das Erlernen eines Musikinstrumentes oder einer Fremdsprache – typische Dinge, die man sich irgendwann auf seine Liste setzt, aber nie in Angriff nimmt. Im Alter denkt man dann vielleicht: Für wen soll ich denn dann noch spielen, außer für mich selbst? Oder: Ich komme ja eh nicht mehr in ein anderes Land, warum also noch Sprachen lernen?

Von solchen fatalen Gedanken sollten sich ältere Menschen verabschieden. Es zeigt sich immer wieder, dass Ältere beispielsweise eine langsamere Geschwindigkeit bei diversen Tätigkeiten mit höherer Zuverlässigkeit und niedrigeren Fehlerquoten wettmachen. Die Möglichkeit, etwas neu zu lernen, besteht immer. Es gilt lediglich, sie mit einer gewissen Portion Selbstvertrauen und Mut zu ergreifen. Dann kommt die Idee, sich vielleicht doch nochmal in ein anderes Land zu wagen oder sich zu erkundigen, ob es nicht andere Musiker (ähnlichen Alters) gibt, die gerne noch zusammen musizieren wollen, meistens von ganz alleine.

Aufblühen im Alter – Von wahren Persönlichkeitswandlungen

 

Das Alter – Nur eine zweite Kindheit?

Schon der griechische Komödiendichter Aristophanes stellte knapp 400 Jahre vor Christus fest, dass das „Alter nur eine zweite Kindheit sei“. Dieser Spruch lässt sich auf zweierlei Arten verstehen: Zum einen werden ältere Menschen irgendwann wieder ähnlich pflegebedürftig, wie Kinder es sind. Während die Kinder beim Aufwachsen abhängig von ihren Eltern sind, sind es die Eltern im Alter wiederum von ihren Kindern oder anderen jüngeren Menschen, die sich um sie kümmern.

Doch die Eigenschaften alter Menschen nur mit den vermeintlich schwierigen und komplizierten Eigenschaften von Kindern gleichzusetzen wäre fatal. Zum einen nämlich sind selbst demente alte Menschen eben immer noch Erwachsene, die ein ganzes Leben hinter sich haben. Anders als Kinder darf und sollte man alte Menschen nicht erziehen (wollen).

Zum anderen schlummert ein riesiges Potenzial im „Alt sein“. Wie für Kinder nämlich besteht nun – fern von Zwängen, Pflichten und durchstrukturierten Tagen – wieder die Möglichkeit, die Welt (neu) zu entdecken. Dazu gehört jedoch auch der Wille, dies zu tun. Dabei kommt es ganz eindeutig auf die Perspektive und die persönliche Einstellung an. Wer den Anschluss nicht verlieren möchte, muss auch bewusst dagegen angehen und aktiv werden.

Auf die Perspektive und Einstellung kommt es an

Ältere Menschen, die plötzlich viel Zeit haben und Gefahr laufen, sich zu langweilen oder überfordert zu werden, sollten gezielt versuchen, sich nicht aufzugeben. Das Potenzial, das im Pensionsalter in einem steckt ist nämlich riesig.

Altersforscher haben längst festgestellt, dass nicht nur das Verhalten älterer Menschen oftmals dem von Kindern ähnelt. Vielmehr kann sich die gesamte Persönlichkeit im hohen Alter noch einmal ähnlich stark ändern, wie im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter. Die Veränderungen mögen in einigen Fällen zwar eher klein ausfallen, sie sind aber durchaus systematisch.

Viele Männer etwa werden nach dem Tod ihrer Partnerin gewissenhafter. Bei Frauen ist es umgekehrt. Die Gründe hierfür sind nicht immer genau erforscht. Vermutet werden aber im genannten Beispiel etwa Zusammenhänge mit der Rollenverteilung.

Auch das Klischee der grummeligen und verbitterten alten Menschen ist nicht haltbar. Es ist eher sogar der Fall, dass diese nachsichtiger und hilfsbereiter sind, als Jüngere. Vor allem zwei Eigenschaften der Persönlichkeit aber zeigen im Alter bei vielen Menschen eine eindeutige Veränderung:

  1. Alte Menschen zeigen häufig eine abnehmende Offenheit für neue Erfahrungen. Viele denken konservativer und möchten sich weniger auf andere Meinungen oder Kulturen einlassen, als sie es noch im jungen Erwachsenenalter getan haben.
  2. Die Verträglichkeit zeigt ebenfalls starke Alterseffekte. Im Gegensatz zur Offenheit für Neues aber nimmt sie zu, je älter die Betreffenden sind.

Aus diesen beiden Eigenschaften könnte man ableiten: Gegen die abnehmende Offenheit kann aktiv vorgegangen werden. Schließlich sollte die Grundlage, mit Neuem auf milde und entspannte Weise umzugehen, durch die zunehmende Verträglichkeit ja gelegt sein. Doch was sagt die Altersforschung dazu?

Diese ist sich ziemlich sicher: Zwar nimmt die Offenheit für Neues im Alter durchschnittlich ab, die Möglichkeit, die Perspektive zu ändern und eine offene, neugierige Einstellung bezüglich des restlichen Lebens zu entwickeln, besteht trotzdem.

Neue Kontakte knüpfen

Für junge Erwachsene, die ihren Platz und ihre Rolle im Leben suchen, ist es selbstverständlich, dass möglichst viel Wissen angesammelt, vieles kennengelernt und ausprobiert werden muss. Im Alter hingegen herrscht der Tenor „Das Leben ist endlich“. Man besinnt sich dann in der Regel eher auf das, was man kennt, hat, schätzt und mit dem man sich vermeintlich sicher fühlt. Bestehende soziale Beziehungen zu festigen muss nichts Schlechtes sein. Allerdings rät die Altersforschung dazu, sich dem Alterstrend der abnehmenden Offenheit gezielt zu widersetzen und sich ein hohes Maß an Offenheit und Neugier zu bewahren.

Es ist für ältere Menschen heute gerade durch die Möglichkeiten der digitalen Medien keine so große Schwierigkeit mehr, mit Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, wie dies vielleicht früher der Fall war. Die einzige Schwierigkeit dürfte es sein, die eigenen Ängste oder Zweifel in den Griff zu bekommen und sich zu überwinden, anders zu sein, als man es von Alten vielleicht erwartet. Sprich: Dem typischen Bild der oder des Alten mit großer Energie entgegenzuwirken.

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