Streit um Nervenzellen im Gehirn

Streit um Nervenzellen im Gehirn
Sind Nervenzellen im Gehirn nun erneuerbar? Der Streit geht weiter.
Im Gehirn eines Menschen werden zeitlebens immer wieder Nervenzellen neu gebildet – davon geht die Wissenschaft seit den 60er-Jahren aus.

Jetzt sagen Forscher: Das stimmt nicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass die These gekippt wird, schreibt Anja Garms in der "Welt". Eine Studie wirft die Frage auf, ob Zellen in Teilen des menschlichen Gehirns tatsächlich wie bisher angenommen zeitlebens neu gebildet werden.

US-Forscher fanden bei ihren Untersuchungen keine Anzeichen dafür, dass im sogenannten Hippocampus nach der frühen Kindheit noch Zellen neu entstehen. Sie stellen ihre Studie im Fachblatt "Nature" vor.

"Diese Ergebnisse werden mit Sicherheit eine Kontroverse auslösen", kommentiert Jason Snyder von der University of British Columbia die Studie.

Der deutsche Neurowissenschaftler Gerd Kempermann, Leiter der Forschungsgruppe Adulte Neurogenese am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden, sieht keinen Grund, nach der neuen Studie bisherige Erkenntnisse infrage zu stellen.

"Die Studie ist technisch in Ordnung und sorgfältig gemacht. Die Interpretation der gewonnenen Daten halte ich allerdings für falsch."

Worum geht es?

Lange Zeit dachten Hirnforscher, dass die Bildung von Gehirnzellen quasi mit der Geburt abgeschlossen ist, bei allen Säugetieren einschließlich des Menschen. Danach, so hiess es, würden einmal verloren gegangene Zellen nicht ersetzt.

Dies sei ein Grund für den Abbau geistiger Fähigkeiten mit zunehmendem Alter und Mitursache von neurologischen Erkrankungen. In den 60er-Jahren kamen erstmals Zweifel an dieser Annahme auf.

Der Wissenschaftler Joseph Altman entdeckte, dass ausgewachsene Nagetiere sehr wohl noch Nervenzellen neu bilden, vor allem in einer Unterregion des Hippocampus namens Gyrus dentatus.

Später fanden Forscher Belege für das Konzept der Neurogenese, also der Nervenzellneubildung, auch in anderen Säugetieren und in Primaten. Dass das menschliche Gehirn dabei keine Ausnahme ist, belegten mehrere Studien.

In einer verabreichten die Wissenschaftler einigen Patienten zum Beispiel ein Molekül, das in das Erbgut sich teilender Zellen eingebaut wird. Sie wiesen das Molekül auch im Gehirn nach - die Zellen dort mussten sich also teilen, mithin neu gebildet werden.

Im Gewebe aus dem Gehirn fehlten Marker

2013 lieferten schwedische Wissenschaftler mit einer kniffligen Untersuchung weitere Belege für die Neurogenese beim Menschen: Sie hatten Erbgut aus den Nervenzellen des Hippocampus von verstorbenen Menschen isoliert und den Gehalt des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops C14 darin gemessen.

Dieses Isotop stammt aus oberirdischen Atomwaffentests, die während des Kalten Krieges zwischen 1955 und 1963 stattgefunden hatten, und gelangt über den Umweg von Pflanzen auch in den menschlichen Körper.

Die Wissenschaftler fanden C14-Kohlenstoff auch in den Nervenzellen älterer Menschen, die zur Zeit der Atomwaffentests schon erwachsen waren. Diese Zellen mussten also im Erwachsenenalter neu entstanden sein, so die Schlussfolgerung.

In der jetzt vorgestellten Studie hatte das Team um Arturo Álvarez-Buylla von der University of California in San Francisco Gewebeproben untersucht, die bei Operationen angefallen waren oder von Verstorbenen stammten.

Insgesamt hatten die Forscher Proben von 59 Menschen. Sie suchten nach bestimmten Markerproteinen, die nur auf sich teilenden oder unreifen Zellen vorkommen - und fanden sie ausschließlich bei Babys und Kindern.

Die älteste Probe mit wenigen jungen Nervenzellen stammte von einem 13-Jährigen. Im ersten Lebensjahr lässt die Zellneubildung im Hippocampus rapide nach, bei Erwachsenen findet sie nicht oder äusserst selten statt, folgern die Forscher.

Ziehen die Forscher einen falschen Schluss?

Diesen Schluss könne man nicht ziehen, sagt Kempermann. "Nur weil sie die Marker in den Proben Erwachsener nicht gefunden haben, heisst es nicht, dass es die neuen Zellen nicht gibt."

Es sei zum Beispiel bekannt, dass sich die Markerproteine im Laufe des Lebens und auch nach dem Tod änderten und im Detail große Unterschiede zwischen verschiedenen Arten bestehen.

"Das Konzept der Neurogenese ist gut etabliert, es ist durch zahlreiche Daten aus Versuchen mit Säugetieren belegt." Vor allem habe man mittlerweile auch ein gutes Verständnis davon, wozu adulte Neurogenese gut sei.

Sie spiele demnach unter anderem eine wichtige Rolle für die Trennung von alter und neuer Information und bei der Bildung von Gedächtnisinhalten. "Natürlich kann man nicht ausschliessen, dass das ausgerechnet beim Menschen anders funktioniert als bei anderen Säugetieren.

Aber dann braucht man eine völlig neue Hypothese. Die Daten der Forscher reichen jedenfalls nicht aus, um das Konzept zu widerlegen."

Abonnieren Sie die besten Tipps und Angebote im wöchentlichen Newsletter.