Ein Halt auf wilder Strecke für Silver Ager

Silver Ager, Golden Ager, Filme für 50plus
Silver Ager werden immer mehr zu Stars des Kinos (Filmausschnitt)
Von der Lebenslust im Angesicht des Todes: Der mexikanische Debütfilm «Der wundersame Katzenfisch» erzählt von einer kranken Mutter mit vier Kindern.

Die hinreißende Tragikomödie ist nur einer von vielen Filmen über Kranke und Sterbende.

Parkinson-Melodramen, Pflegeheim-Klamauk, Alzheimer-Komödien, eine Krebs-Lovestory: So viel Krankheit im Kino war nie. Die Gesellschaft wird älter, die Zahl der Silver-Ager-Filme steigt mit der Zahl der Silver-Ager-Zuschauer. Erst letzte Woche startete die Alzeimer-Komödie "Nebenwege".

Verliert mit der aktuellen Zielgruppenorientierung der Kultur- und Unterhaltungsbranche auch der Tod seinen Schrecken? Zumindest kommt er aus der Tabuzone heraus. Spätestens wenn ein Stoff nach der Beleuchtung seiner tragischen Seiten ("Halt auf freier Strecke", "Amour") auch für den Mainstream taugt, ist er nicht länger weggesperrt aus der breiten Öffentlichkeit.

Das Genre "Chronik eines angekündigten Todes" reüssiert auch in der Literatur. Christoph Schlingensiefs Buch über seinen Lungenkrebs "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!" stand 2009 auf den Bestsellerlisten, ebenso Wolfgang Herrndorfs Tagebuch über seinen vergeblichen Kampf gegen einen Hirntumor, "Arbeit und Struktur", Ende 2013.

Im Kino rührt "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" Millionen Zuschauer zu Tränen, eine zeitgenössische Variante des Siebziger-Jahre-Hits "Love Story". Der Film nach John Greens Jugendroman spielte in den USA in vier Wochen 116 Millionen Dollar ein.

Auch in Deutschland und Großbritannien landete das Liebesdrama um zwei krebskranke Jugendliche auf Platz eins der Charts und hielt sich den ganzen Juni über. Und nun Mexiko, ein Land, dessen Filme meistens von Drogenkriegen, Bandenfehden und Gewaltexzessen handeln.

Auch in "Der wundersame Katzenfisch" spielen viele Szenen bei Nacht. Aber die Geschichte, die die junge Regisseurin Claudia Sainte-Luce der Dunkelheit ihres Landes entreisst, ist licht und leicht, trotz der Schwere des Themas. Martha (Lisa Owen), eine aidskranke, alleinstehende Mutter von vier halbwüchsigen Kindern, gerät per Zufallsbegegnung an Claudia (Ximena Ayala), eine einsame junge Frau, die im Supermarkt Würstchen und Enthaarungswachs verkauft.

Schnell gehört Claudia zu Marthas Familie dazu, einer chaotischen Schicksalsgemeinschaft. Aber eben auch einer turbulenten Truppe, bei der man sich sofort mit an den Tisch setzen möchte, mitten hinein in die kakophonische Choreografie von hektischem Fastfoodverzehr, Alltagsorganisation und Durcheinandergeplapper - im Kino im spanischen Original mit Untertiteln zu hören.

Die sterbende Martha wird zur Ersatzmutter für die sozialkontaktgestörte Claudia, während Claudia nach und nach die Ersatzmutterrolle für Marthas Kinder annimmt. Claudia räumt auf, hört zu, kümmert sich, erteilt dem Jüngsten bereitwillig Auskunft über Kusstechniken, steht der liebeskummergeplagten Ältesten bei und hält die temperamentvolle Wendy in Schach (gespielt von Sainte-Luces "Stiefschwester" Wendy Guillén), wenn die sich mal wieder einen Pillencocktail zusammenmixt.

Claudia Sainte-Luce, Jahrgang 1982, erinnert sich mit ihrem 2013 in Locarno und auf anderen Festivals gefeierten Debütfilm an ein eigenes Erlebnis. Daran, wie sie aus ihrer Einsamkeitsbahn während ihrer Ausbildung in der mexikanischen Millionenstadt Guadalajara unversehens in Marthas Familie hineinkatapultiert wurde - und dort erst mal blieb. Man versteht auf der Stelle, warum.

Verblüffend genau die Figurenzeichnung der Regiedebütantin, verblüffend hoch ihr Realitätssinn. Mit feiner Lakonie feiert "Der wundersame Katzenfisch" die Lebenslust im Angesicht des Todes. Allein wie sie sich zu sechst in den alten knallgelben VW-Käfer zwängen, um mit Martha ans Meer zu fahren, samt Goldfisch und Winkekatze im Glas - die dem Film ihren Titel beschert!

Dummerweise stellt sich schnell heraus, dass das Paradies anderswo liegen muss: zu viele Strandflöhe, Wespen, Scherben, ganz zu schweigen von Marthas Übelkeit. Die großartige französische Kamerafrau Agnès Godard, die auch für Wim Wenders, Agnès Varda und Ursula Meier arbeitet, sorgt für eine unspektakuläre, selbstverständliche Nähe zu den Protagonisten.

Ebenso die Tonspur, die das Klackern der medizinischen Apparaturen im Krankenhaus aufzeichnet, den schweren Atem der Kranken oder die scheppernden Ansagen aus dem Supermarktlautsprecher. Der Tod, diese ultimative Katastrophe des Lebens, vereint viele Widersprüche in sich: Agnès Godard verdichtet die Düsternis der Nachtszenen zum Inbild der Bangigkeit, während sie ihnen zugleich etwas Tröstliches verleiht.

So bleibt der Alltag in Marthas vollgestopftem Haus stets vom Tod umfangen. Marthas Leiden, die Angst vorm Sterben, die Trauer der Kinder - der Film beschönigt nichts. "Wir müssen mit dem Tod an der Seite schlafen, um das Leben so zu leben, wie es sein soll", sagt Sainte-Luce.

Und mischt all die jüngeren Krankenfilmgenres so wild und verquer, wie das Leben nur sein kann, wenn der Tod sich vor der Zeit meldet.

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