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Ein Besuch an der Seniorenuni

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Ein Leben lang neugierig. Das Durchschnittsalter an der Seniorenuni ist 73. Photo by Jilbert Ebrahimi on Unsplash

Volle Sitzreihen, eine vergnügte Stimmung und treue Studenten. Die Seniorenuni in Bern ist ein Erfolg.

Es ist ein regelrechter Ansturm, schreibt die Berner Zeitung. Zwanzig Minuten vor Beginn sind in der Aula des Berner Universitätshauptgebäudes fast alle 375 Sitzplätze besetzt. Die Stimmung ist aufgekratzt, die Erwartung gross, das Geplauder in den Sitzreihen aufgeregt wie in einem Jugendlager.

Die Haarfarbe der Anwesenden aber geht vom Grau ins Weisse über. Das Durchschnittsalter liegt bei 73 Jahren. Wer hier im letzten Moment einen Sitzplatz ergattern will, hat Pech. Denn hoch motivierte Senioren sind überpünktlich.

Ein Hort der Begeisterung

«Das ist hier jedes Mal so voll», sagt eine alte Dame vergnügt, die ihr Alter (81), aber nicht ihren Namen verrät. Sie befinde sich im Unruhestand und habe viel los. «Aber für die Vorträge der Seniorenuniversität habe ich immer Zeit», sagt sie.

Die Seniorenuni Bern ist eine Erfolgsgeschichte und ein Hort der Begeisterung. Ihre Vorlesungen jeweils am Dienstag- und Freitagnachmittag gehören zu den bestbesuchten Anlässen der Universität Bern.

Kaum ein Vorlesungspublikum ist so treu und neugierig. Die 81-Jährige im Unruhestand rühmt nun Pasqualina Perrig-Chiello: «Unsere neue Stiftungsratspräsidentin macht ein super Vortragsprogramm.»

Perrig (66) federt unter rauschendem Applaus auf die kleine Bühne. Die landesweit bekannte Psychologieprofessorin und Generationenforscherin ist seit kurzem pensioniert, was man ihr überhaupt nicht ansieht. Sie zieht ihre Begrüssungsformel in die Länge, bis sich die Aufregung im Saal gelegt hat.

«In der heutigen Welt des Konsums, in der alles sofort verfügbar ist, tönt der Vortragstitel ‹Selbstdisziplin und Willenskraft› vielleicht antiquiert», hebt sie an. «Aber gerade wir Ältere wissen, dass es ohne Selbstdisziplin nicht geht», sagt Perrig mit einem Lächeln und hat das Publikum auf ihrer Seite.

Referent Alex Bertrams, an der Uni Bern Professor für pädagogische Psychologie, beginnt mit einem Geständnis: «Ich bin ganz erschlagen von so einem grossen Publikum.» – «Lauter», ertönt es sofort vielstimmig.

Die Senioren scheuen sich nicht, ihre Bedürfnisse anzumelden. Viele tragen ein Hörgerät. Sie wollen kein Wort verpassen. Bertrams justiert die Mikrofone und bekennt, dass er noch nie im Prachtssaal der Uni habe reden dürfen und nie so viele Zuhörer habe. An der Seniorenuni aufzutreten, ist eine Art Ritterschlag.

Fragen ohne falsche Scheu

Bertrams führt aus, wie man von klein auf Selbstkontrolle trainieren könne. Und dass Willenskraft – wie die Muskelkraft – eine limitierte Ressource ist, die erschöpft werden kann. Müssen Pensionierte ohne Verpflichtungen überhaupt noch an ihrer Selbstkontrolle arbeiten?

Ihre Antwort: Diszipliniert machen sie Notizen in kleinen Heften. Zahlreich werden Handys gezückt, um Bertrams’ Powerpoint-Folien abzulichten. Obwohl die Senioren über den hier vermittelten Stoff keine Prüfung ablegen müssen, sind sie voll bei der Sache. Sie wissen: Wer rastet, rostet. Ohne Selbstkontrolle neigt man dazu, im Alter zu klagen.

Viele bleiben für die Fragerunde nach dem Referat im Saal. Perrig und ihre pensionierten Helferinnen wieseln mit Mikros herum. Hörerinnen und Hörer stellen kluge und neugierige Fragen.

Ohne falsche Scheu, peinlich, eifrig oder unkorrekt zu wirken. Wären junge Studierende im Saal, würde jetzt vielleicht verkrampfte Stille herrschen.

Alex Bertrams ist gefordert. Ist Selbstkontrolle angeboren oder eine Folge des sozialen Umfelds?, fragt eine Seniorin. Beides, sagt Bertrams und holt zu einer Erklärung aus.

Führt das Dauerlob der Kinder durch ihre Eltern nicht eher zu Narzissmus als zu Selbstkontrolle?, fragt ein skeptischer Grossvater. Bertrams teilt die Befürchtung, differenziert sie aber noch.

Weiterreden am Stammtisch

Der Saal leert sich. Eva Migliaccio (69) hat noch Zeit für ein paar Worte. «Ich bin immer noch so neugierig, habe für meine Neugier aber zu wenig Zeit», sagt sie strahlend. Das interdisziplinäre Programm der Seniorenuni behage ihr, denn sie suche ständig nach neuen Themen.

Die Anstösse der Vorträge vertiefe sie im Internet. «Mein Wissensdurst lässt überhaupt nicht nach», erklärt sie lachend. Eva Migliaccio möchte etwa wissen, ob die Weltlage in den nächsten 20 Jahren bedrohlicher wird. Und sie wünscht den Jungen, dass sie «aus ihrer digitalen Abschottung herausfinden». Jetzt muss sie aber auf den Zug.

Am Stammtisch, an dem man sich nach dem Vortrag jeweils im Restaurant auf der Grossen Schanze zum Diskutieren trifft, sitzen schon ein paar Frauen. «Ich profitiere auch von Themen, die mich nicht so interessieren, es kann der Schlüssel zu etwas Neuem sein», sagt Emilie Mosimann (75).

«Man kann immer etwas dazulernen, und zum Glück geschieht das hier ohne Prüfungsdruck», findet Liselotte Rindlisbacher (71). «Ich komme an jede Vorlesung, weil ich hier Leute kennen lernen und beim Kaffee diskutieren kann», sagt Margrit Egloff (82). Dann tauschen sie untereinander ihre Mühe mit der Selbstkontrolle aus.

34 Jahre Wachstum

Im nahen Univerwaltungsgebäude begehen Helferinnen und Stiftungsratsmitglieder das Semesterende mit einem kleinen Apéro. Auch hier ist die Stimmung aufgeräumt. Es ist eine gute Gelegenheit, die Begeisterungswelle zu ergründen, auf der die Seniorenuni Bern seit 34 Jahren reitet.

660 Mitglieder habe die Institution im Jahr 2001 gezählt, 2010 habe sie den Rekordwert von 1010 Mitgliedern erreicht, heute seien es immer noch 914, erklärt Stiftungsratspräsidentin Perrig. Es sei das Ziel, einer möglichst breiten Seniorenöffentlichkeit einen Zugang zum lebenslangen Lernen zu vermitteln.

Interessierte zahlen deshalb einen schlanken Semesterbeitrag von bloss 80 Franken für 42 Vorlesungen und 8 bis 10 Sonderanlässe. Die Mitgliedschaft berechtigt auch zum Besuch der anderen boomenden Seniorenunis an den Universitäten in Zürich, Basel, Lausanne, Genf, Neuenburg und im Tessin.

Nicht nur junge Leute, sondern auch ältere Semester würden heute langfristige Verpflichtungen meiden, weiss Perrig. Während die Mitgliederzahl jüngst leicht rückläufig war, legte dafür die Zahl der Einzeleintritte für 5 Franken pro Referat zu. 2016 waren es 587, 2017 schon 744 Einzeleintritte.

Kognitives Trainingslager

Für Pasqualina Perrig ist die Seniorenuni ein vorzügliches Arbeitsfeld, auf dem sie ihre Forschungserkenntnisse anwenden kann. Die emeritierte Psychologieprofessorin hat sich während ihrer Laufbahn mit der Persönlichkeitsentwicklung der beiden Geschlechter in den verschiedenen Lebensspannen – vor allem in der zweiten Lebenshälfte – beschäftigt. «Wer sich kognitiv stimuliert, hat auch mehr soziale Kontakte», beobachtet Perrig gerade an der Seniorenuni.

Dort widerspiegelt sich die hohe Zahl allein lebender Senioren und vor allem Seniorinnen in der Schweiz. «Es kommen deutlich mehr Einzelpersonen als Ehepaare an die Veranstaltungen», weiss Perrig.

In den Sitzbänken der Seniorenuni sind schon Paare entstanden. «Ende 2016 haben sich zwei kennen gelernt, er brachte ihr später eine Rose mit, heute sind sie verheiratet», erzählt Caroline Schmid, die im Sekretariat des Berner Unirektors auch die Administration der Seniorenuni betreut.

Die Gesellschaft erwarte nichts mehr von den Alten, was diese häufig zu Passivität verleite, konstatiert Perrig. Umso wichtiger sei es für Senioren, sich auszutauschen, am Ball zu bleiben und mit der Veränderung Schritt zu halten.

Die Seniorenuni ist dafür ein Trainingsplatz. «Die Seniorinnen und Senioren kommen auch, um sich zu testen, beim Diskutieren wollen sie wissen, ob sie noch dabei sind.»

Lässt die Wissbegier eigentlich ab einem gewissen Alter nach? «Es gibt eine grosse Variabilität und individuelle Unterschiede», sagt Perrig. Zwar liessen die Reaktions- und Hörfähigkeit nach, wer aber nicht an Demenz leide, könne bis ins hohe Alter geistig fit sein. «Das Durchschnittsalter von 73 Jahren hat sich in den letzten Jahren aber nicht erhöht», sagt die Präsidentin.

Frauen holen Verpasstes nach

Zahlreiche Frauen besuchen die Vorträge der Seniorenuni. «Viele von ihnen holen hier verpasste Bildungschancen nach. Diejenigen, die eigentlich Ärztinnen werden wollten, wurden dann halt Krankenschwestern», erklärt Perrig.

Den heute über 70-jährigen Frauen war in ihrer Jugend der Zugang zur Matura und zum Studium oft noch verwehrt. Die Seniorenuni steht allen Interessierten offen, unabhängig davon, welchen Bildungsabschluss sie vorweisen. Keine anderen Unianlässe sind so zugänglich. Im Publikum sitzen Nichtakademikerinnen neben pensionierten Professoren.

Gerade die interessierten Laien fordern die Dozierenden heraus. «Die Fragen der Senioren sind für uns Referierende ein Realitätstest», sagt der emeritierte Rechtsprofessor und Stiftungsrat Heinz Hausherr.

Im Echo und in den Fragen der Senioren erkenne man deren Lebenserfahrung. «Für junge Studierende ist vieles noch Theorie: das Scheidungs- und das Erbrecht etwa.» Die Senioren interessierten sich insbesondere für den Fortschritt und neue Erkenntnisse der Medizin, fällt dem emeritierten Medizinprofessor Martin Schöni auf. Beiden ist klar: «Ein Referat an der Seniorenuni muss Niveau haben, darf aber nicht in den Fachjargon verfallen.»

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